31. May 2001 - 22. July 2001

YVA

Photographien 1925-1938

Im Berliner „Welt-Spiegel“ erschien 1926 der Beitrag „Neue Wege der Photographie“, u.a. illustriert mit dem Selbstbildnis der Photographin Else Ernestine Neulaender, genannt Yva. Es ist die früheste, bislang bekannt gewordene Veröffentlichung über die Photographin, die heute als Legende durch die Presse geht, deren Werk aber noch weitgehend unbeachtet geblieben ist.

Das Selbstbildnis ist eine Doppelbelichtung aus einem in strenger Axialität photographierten Brustbild und der Reproduktion eines Gemäldes von Yvas Künstlerkollegen Heinz Hajek-Halke. Doppelbelichtungen gehörten seit den Anfängen der Photographie zur photographischen Grundausbildung, wurden aber – mit wenigen Ausnahmen - nur zur optischen Irritation oder als Scherzbilder angefertigt. Mitte der zwanziger Jahre, als die Avantgardisten das photographische Experiment über das gegenstandstreue Abbilden stellten, stand bei Photographinnen und Photographen das Ausloten der medienspezifischen Möglichkeiten im Zentrum ihres Interesses. Mit ihren Doppel- und Mehrfachbelichtungen gehörte Yva zu den ersten experimentierfreudigen Photographinnen und Photographen des Jahrzehnts. Somit ist das Selbstbildnis eine Bildkomposition aus gemalten geometrischen und amorphen Konfigurationen, in die das ebenmäßige Oval des Gesichts mit den schwarzen Keilen und konzentrischen Kreisformen als Form unter Formen hineinspielt. Beim genauen Hinsehen erscheint auf dem Gesicht – vielleicht in Anspielung auf das Pseudonym Yva – die Lineatur eines Y. Die künstlerischen Ahnen dieser Doppelbelichtung sind unschwer auszumachen, erinnert doch die mit photographischen Mitteln erzeugte Geometrisierung des Gesichts stark an das kubistische Formenrepertoire.

Yva wurde am 26. Januar 1900 als Else Ernestine Neulaender in Berlin geboren und wuchs als jüngstes von neun Kindern mit vier Brüdern und vier Schwestern in Kreuzberg auf. Ihr Vater, Siegfried Neulaender, war Kaufmann, die Mutter Jenny Neulaender stammte aus einer Handwerkerfamilie und führte als Modistin nach dem Tode ihres Mannes das Geschäft weiter. Die Familie war mosaischen Glaubens, lebte aber wie viele Juden in Berlin nicht nach dem Ritus.

Nur über die wenigsten biographischen Daten zum Leben der Photographin Yva haben wir Gewissheit. Vermutlich hat sie eine dreijährige Lehre im Atelier der Meisterphotographin Suse Byk (1884-1943) absolviert; so jedenfalls heißt es in den Erinnerungen der Fotografin Liselotte Strelow. Yva folgte mit ihrer Berufswahl einem Zug der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als junge Frauen neue Berufe ergriffen und erstmals selbständig ein Geschäft führen durften. Das Atelier Yva in der Friedrich-Wilhelm-Straße Nr. 17 (heute Klingelhöferstraße), zwischen Lützowplatz und Tiergarten-Viertel gelegen, gehörte 1925 unter den von Photographinnen geführten Ateliers zu den ersten in der Stadt. Yva spezialisierte sich von Anfang an auf Gebrauchsphotographie, auf die Veröffentlichung in der Presse, d.h. die Zulieferung an Illustrierte und Magazine. Neben den Mehrfachbelichtungen, an denen sie bis 1929 mit immer neuen Ideen arbeitete, entstanden Aufnahmen von Genremotiven und Ende des Jahrzehnts konzentrierte sie sich zunehmend auf Mode- und Werbephotographien. In der Presse ließen sich die Motive häufig auch genreübergreifend verwenden, zum Beispiel Schmuckaufnahmen als Bildnisse oder Doppelbelichtungen, in denen nur ein Detail ergänzt werden mußte, um aus einer Faschingsszene eine Gefängnissituation zu machen. Gern gesehen waren Bilder aus der Welt der Revue, ohne die in den Zwanzigern Unterhaltung nicht denkbar war. So bediente Yva mit Aufnahmen wie „Sisters G.“ den Geschmack des Publikums. Technisch perfekt in der Art ihres „synoptischen“ Verfahrens einer Mehrfachbelichtung gearbeitet, resultiert die bis heute ungebrochene Ausdruckskraft aus der kompositorischen Ausgewogenheit und dem Wiedererkennungseffekt der klischeehaften Bildzitate: Frauenköpfe mit üppigen Hüten und Federboas, leichtbekleidete, beine-schwingende Girls mit Stöckelschuhen. In bildbeherrschender Diagonale sind die Großaufnahmen der Gesichter aus verschiedenen Perspektiven gesehen, und die von unten ins Bild ragenden Beine, eine Anspielung auf die Tillergirls, unterstreichen die Dynamik des Sujets.

1930 wechselte Yva den Standort ihres Ateliers und bezog in der Charlottenburger Bleibtreustraße/Ecke Mommsenstraße im fünften Stock eine 6-Zimmer-Wohnung. Der Neue Westen galt als weltoffen und up-to-date. Hier hatte sich schon um 1900 das liberale, häufig jüdische Bürgertum angesiedelt. Der Kurfürstendamm war zur Hauptvergnügungsstraße geworden, mit Kinos, Bars und Tanzvergnügen rund um die Uhr, mit Luxus- und Modegeschäften, zum größten Teil Filialen der Stammhäuser in Berlin-Mitte.

Hier muß Yva zwischen 1930 und 1934 eine Zeit außerordentlicher Arbeitsintensität erlebt haben. Tagsüber wurden in dem ca. zehnköpfigen Atelier von mehreren Retuschiererinnen Negative und Positive bearbeitet, wurden die fertigen Aufnahmen mit Erstrecht in die Bildredaktionen getragen und an überregionale Verlage verschickt. Am Abend trafen dann die neusten Kollektionen aus den Modehäusern ein, damit sie über Nacht photographiert werden konnten und am nächsten Tag für die Einkäufer wieder im Geschäft zur Verfügung waren. Abends trafen auch die „Mädchen“ ein, junge Frauen, die bei der UFA als Statistinnen arbeiteten und sich als Photomodell ein paar Mark dazu verdienten. „Wir mußten wie Mädchenhändler arbeiten“, erzählte Elisabeth Röttgers, Yvas langjährige Mitarbeiterin: „Gesicht, Augen, Hände, Beine und die Figur – alles wurde begutachtet und am Ende per Stück vorgeführter Garderobe mit 5,- Mark bezahlt. Höchstgage pro Tag bei einer besonders aufwendigen Inszenierung lag bei 25,- Mark.“ Der Abdruck eines Photos brachte im Durchschnitt 25 Mark, eine Titelseite bei der „Berliner Illustrirten Zeitung“ 300 Mark. Überaus beliebt bei den Photomodellen waren die Abende, an denen die Photographin zusammen mit Friedrich Kroner, dem Chefredakteur des Ullstein-Magazins „UHU“, selbst erdachte Bildgeschichten inszenierte und sich die jungen Frauen beim Posieren der lebensecht nachempfundenen Bildgeschichten wie der „Vom Scheindasein vor der Kamera“ in die eigene Filmkarriere hineinträumten.

Das Atelier florierte als Yva unmittelbar nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 bereits die erste Diskriminierung durch die Veröffentlichung ihres Namens im Presseverzeichnis der Pressephotographen in der Rubrik „Ausländer und Juden“ erfuhr.

1934 heiratete sie Alfred Simon, der nun als kaufmännischer Leiter im Atelier arbeitete und noch im selben Jahr zogen sie in die zweigeschossige Mietwohnung in der Schlüterstraße 45 mit einem sich über zwei Etagen erstreckenden Entré, 14 Zimmern und Dachgarten, dem Atelier mit den Aufnahmeräumen und ein em Büro. Hier entstanden Yvas Modeaufnahmen, die ihr bis heute ihre Bekanntheit als Modephotographin eingebracht haben. Vom Kunstlicht umspielt, nutzte sie die architektonischen Gegebenheiten zu Auftritten ihrer jugendlich-damenhaften Photomodelle in den Bogengängen, auf den Treppen, kleinen Innenbalkonen und auf dem Dachgarten. Stilistisch sind die einen – arrangiert mit antikisierenden Vasen oder der typischen kannelierten Säule – einem Neoklassizismus deutscher Prägung zuzuordnen, andere, wie zum Beispiel das „Stilkleid“, überformen den Körper mit einer Silhouette, die auf ein historisches Formenrepertoire, hier den „cul de Paris“, zurückgreift, als hätte es die kniekurze Mode der Zwanziger nie gegeben.

In dem Jahr, in dem sich Yva in der Schlüterstraße eingerichtet hatte, wurde der Ullstein-Verlag, Hauptabnehmer ihrer Photographien, bereits zwangsverkauft und an jüdische Ateliers wurden immer seltener noch Aufträge vergeben. 1938 wird das Atelier Yva wegen Arbeitsverbot geschlossen. Yva und Alfred Simon zogen zuerst zu Verwandten, dann in immer kleinere Unterkünfte, schließlich bei einer Jüdin zur Untermiete in die Bamberger Straße. Yva versuchte immer weiter noch neben ihrer Arbeit als Röntgenphotographin im Jüdischen Krankenhaus photographische Aufträge auszuführen. Am 1. Juni 1942 wurden Yva und Alfred Simon von der Gestapo verhaftet, am 13. Juni deportiert und in Sobibor ermordet.

 

Anm. 1, Ira Buran, „Else Neuländer-Simon („Yva“), eine Berliner Fotografin der zwanziger und dreißiger Jahre – Leben und Werk“,  unveröffentlichte wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers,, Hochschule der Künste Berlin 1992 

 

Biografie

 

ERÖFFNUNG

30. Mai 2001 | 18 Uhr

Es sprechen

Dr. Christoph Stölzl
Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur

Elisabeth Moortgat
Das Verborgene Museum

LAUFZEIT

31. Mai - 22. Juli 2001 

ÖFFNUNGSZEITEN]

Mi-Do 15 -19 Uhr
Sa-So 12 -16 Uhr

 

STANDORT > ADRESSE

Der Verein DAS VERBORGENE MUSEUM | Dokumentation der Kunst von Frauen eV
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