21. November 2002 - 09. February 2003

LOU ALBERT-LASARD

"Montmartre - Suite" und Zeichnungen aus dem Lager Gurs""

Im Auftreten schillernd, vom Naturell her exzentrisch, war Lou Albert-Lasard der Mittelpunkt einer jeden Künstlerszene: in München und Ascona, Berlin und Paris, woran sich auch der Pariser Modephotograph Willy Maywald noch viele Jahre später lebhaft erinnert hat: "Lou Albert-Lasard, eine der Freundinnen von Rainer Maria Rilke, hatte damals viel Erfolg in Paris. Man sah sie oft im "Café du Dôme" mit ihrer Tochter,  der schönen Ingo. Man konnte sie nicht übersehen, denn sie war eine der extravagantesten Erscheinungen, die ich je in meinem Leben gesehen habe. In rote Fuchspelze gehüllt, trug sie auf ihren brandroten Haaren die ausgefallensten Hüte, etwas aus Moos oder ganz aus Hahnenfedern".

1885 im lothringischen Metz als Tochter eines deutschen Bankiers und einer Amerikanerin geboren, geht Lou Albert - Lasard mit neunzehn Jahren mit ihrer ein Jahr älteren Schwester Ilse nach München, um Malerei zu studieren. Noch waren Frauen an den Kunstakademien nicht zugelassen, so besucht Lou Zeichenkurse bei dem Maler Gino Parin (Friederich Pollak 1876-1944) und die private Schule von Heinrich Knirr in der Amalienstrasse.

Sie genießt die Atmosphäre der Kunststadt, sucht Kontakte mit Künstlerinnen und Künstlern wie beispielsweise Marianne Werefkin und Alexej Jawlensky, ohne jedoch sich dem "Blauen Reiter" anzuschließen. Sie ist befreundet mit dem finnischen Maler EdvinvLydén. Selbst nach ihrer Heirat 1909 mit dem Naturwissenschaftler und Erfinder photochemischer Verfahren, Dr. Eugen Albert, und der Geburt ihrer Tochter Ingo 1911 gibt sie ihr bohèmienhaftes Leben nicht auf - im Gegenteil: Sie lernt Paris kennen, die Kunstmetropole der Jahrhundertwende, wohin sie von nun an regelmäßig reist.

Entscheidend für ihr ganzes Leben wurde die Begegnung mit Rainer Maria Rilke zu Beginn des Ersten Weltkriegs, ihre Liebesgeschichte mit dem Dichter, die sie in ihren Erinnerungen "Wege mit Rilke" in den fünfziger Jahren noch einmal hat aufleben lassen. Die Zeit, in der sie für einander malten und dichteten, die ersten Kriegsjahre waren für beide geprägt von physisch-psychischer Anspannung, zugleich aber auch von höchster künstlerischer Produktivität. Fragen zu Form und Inhalt von Literatur, Musik und Malerei bestimmten die Diskussionen im Kreise der Künstlerfreunde, zu denen u.a. Paul Valéry, Regina Ullmann, Hugo von Hofmannsthal und die Verlegerin des Insel-Verlags, Katharina Kippenberg, gehörten.
Von ihnen allen hat Lou Albert-Lasard Portraits gemacht, denen bis heute die zeitbedingt angespannte Seelenlage der Portraitierten anzusehen ist. Öffentliche Anerkennung erfährt die Malerin zum ersten Mal, als ihre Arbeiten 1917 in der renommierten Münchner Galerie Thannhauser und Caspari zu sehen sind und sie sich an den Ausstellungen der Münchner Secession beteiligt.

Anfang der zwanziger Jahre, Lou Albert-Lasard lebt mittlerweile in Berlin, entsteht unter dem Titel "Montmartre-Suite" eine Serie aus 14 Lithographien.Zusammen mit ihren Portraits von Marc Chagall, André Derain, Regina Ullmann, Karl Kraus, Heinrich Mann u.a. war sie 1925 in der Galerie Flechtheim zu sehen. Im "Cicerone" steht anlässlich der Ausstellung zu lesen: "... und vor allem die (bei Kiepenheuer erschienene) Mappe 'Montmartre', zwölf durch wirbelnden Schwung und Technik faszinierende Blätter aus den Bereichen nächtlicher Quartiere und Tanzlokale, amüsant mit Akzenten der Unheimlichkeit, stimulierend durch eine restlos in zeichnerisches Tempo umgesetzte Frivolität. Hier scheint die Künstlerin ganz in ihrem Element, hier sprüht ihre Darstellung, hier wirkt die Leichtigkeit der Mittel nicht flüchtig, sondern als geistreiche Zuspitzung ..."

In Anlehnung an Henri Toulouse-Lautrec, der um 1900 in seinen graphischen Blättern den vielfältigsten Gesichtern des Pariser Nachtlebens seinen unverwechselbaren Ausdruck gegeben hat, schildert Lou Albert - Lasard  - animiert durch ihre Parisbesuche - ihre Sicht vom Amusement der Halbwelt, malt sie das Nachtleben der Stadt, die frivolen Apachentänze und halbseidenen Varieté-Darbietungen.

Nicht gesellschaftskritisch wie Jeanne Mammen, die mit spitzer Feder ihre Zeitgenossen aufs Korn nahm, sondern mit schnellem, bewegtem Strich und der grellen rot-grünen Farbigkeit gibt Lou Albert-Lasard auch ihrer eigenen Lebensfreude Ausdruck. Nebenbei arbeitet sie für "Die Dame" und den "Querschnitt", die Ullstein-Zeitschriften mit dem höchsten Anspruch an den guten Geschmack und die Vorreiter für Mode und Fragen der Avancierten Lebensgestaltung.

Lou Albert-Lasard ist in Berlin Teil der Künstlerszene, ihre Künstlerfeste sind stadtbekannt und sie kennt sie alle: Arthur Segal beispielsweise, der zeitweilig seine Kunstschule in ihrem Atelier an der Nürnbergerstrasse untergebracht hatte, die Künstler der Novembergruppe und die schreibende Zunft mit Ringelnatz, Remarque und Else Lasker-Schüler, aber auch die Russenszene um den Nollendorfplatz mit dem Malerpaar Xenia Boguslawskaja und Ivan Puni, mit Alexander Archipenko.

1928 übersiedelt Lou Albert-Lasard nach Paris. Sie erfüllt sich zusammen mit ihrer Tochter Ingo einen langgehegten Traum, der durch das Erbe ihres Vaters ermöglicht wird. In der Galerie Fabre ist sie seit der Ausstellung der "Montmartre-Suite" 1926/27 bekannt, bevor sie sich inmitten der Künstlerszene um Jean Cocteau, Fernand Léger, René Crevel, André Breton, Nathalie Clifford-Barney, Kiki und Thèrése Treize u.v.a. am Montparnasse schon bald zu Hause fühlt. 1933 wird das Atelier Albert-Lasard auch Treffpunkt der aus Deutschland emigrierten Freunde: Mynona, Egon Erwin Kisch, Franz Werfel und Alma Mahler, Julius Maier-Graefe, Lion Feuchtwanger. Noch ist die Malerin in Frankreich sicher; sie unternimmt große Reisen, 1934 nach Marokko und Spanien, 1938 nach China, Indochina und Indien.

Durch den Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich wird Lou Albert-Lasard zur "feindlichen Ausländerin" erklärt. Sie wird mit den anderen in Paris ansässigen deutschen Frauen im Velodrôme d'hiver zusammengetrieben und in das am Fuße der Pyrenäen gelegene französische Lager Gurs verbracht.

Zusammengepfercht, bei schlechten sanitären und hygienischen Verhältnissen sowie mangelhafter Ernährung, versucht Lou Albert-Lasard das Leben hinter Stacheldraht so gut es geht zu überstehen, wobei ihr auch ihr Zeichentalent hilft. "Die Frauen waren zuerst irritiert, aber dann gewöhnten sie sich an die 'verrückte Malerin', wenn sie sie, in einer Ecke der Waschbaracke hockend, als Aktmodelle benutzte" (Hanna Schramm, Menschen in Gurs, 1977). Lou Albert-Lasards Skizzen aus Gurs schildern die ganz alltäglichen Situationen aus dem Lagerleben der Frauen: die kollektiven Wasch- und Schlafräume, das Reparieren von Zäunen, erste Hilfe am Krankenbett etc. Unter der Hand der versierten Zeichnerin entstehen - mit Tee und Kohletabletten eingefärbte - Blätter, die eine überraschende Leichtigkeit ausstrahlen, wären da nicht diese Lichtmasten und Wartenden hinter Stacheldraht. Erhalten sind auch Portraits von Mitinsassinnen, die einmal mehr daran erinnern, wie weit der Arm der nationalsozialistischen Verfolgung gereicht hat: von der Schriftstellerin Thea Sternheim, dem Ufa-Star Dita Parlo, der Schauspielerin Betty Stern und vielen anderen.

Nach siebenmonatiger Internierung gelingt es Lou Albert-Lasard und ihrer Tochter, das Lager zu verlassen und nach Paris zurück zukehren, wo sie den Krieg zurückgezogen überleben. 

Marion Beckers

 

 

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